Kasse ohne Kassierer

Supermärkte mit 100 Prozent Selbstbedienung? Das ist keine Science-Fiction mehr. Immer mehr unbemannte Smartstores breiten sich in Deutschland aus – und schließen Versorgungslücken.

Text: Christine Mattauch

Nanu, ist hier denn keiner? Wer bei Teo etwas besorgen will, findet gut bestückte Regale – aber kein Personal. Einkaufen und bezahlen kann man trotzdem. „Gewöhnungsbedürftig“ findet das ein Kunde, der Nudeln und Pesto in einem Beutel verstaut. Aber auch praktisch: Der unbemannte Supermarkt hat rund um die Uhr geöffnet.

Noch ist das Konzept eine Ausnahme, doch sogenannte Smartstores sind dabei, sich zu etablieren. Teo, ein Ableger der Supermarktkette Tegut, ist in Deutschland schon rund 40-mal vertreten. Insgesamt gibt es bundesweit mehrere Hundert automatisierte Läden, in denen die Kunden den Einkauf selbst scannen. In 24 Grab-and-Go-Stores ist nicht einmal mehr das erforderlich: Der Einkauf wird von Überwachungskameras erfasst, von künstlicher Intelligenz analysiert und der Gegenwert vom Konto abgebucht.

Die autonomen Läden sind zwar klein, ihre Sortimente beinhalten aber Frischware wie Obst und Gemüse. Einige bieten nach Einlesen des Personalausweises sogar Alkohol oder Zigaretten an. Vor allem im ländlichen Raum schließen sie eine Versorgungslücke. „Eine Errungenschaft“, findet Andrea Steinbach, juristische Fachberaterin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz (siehe Interview). Zumal die Produkte in Smartstores im Schnitt nicht mehr kosten als in großen Supermärkten. Genau daran scheiterten in der Vergangenheit viele Versuche, Dorfläden im Tante-Emma-Stil wiederaufleben zu lassen: Sie waren vielen auf Dauer zu teuer.

Volle Kontrolle für die Betreiber

Möglich ist der unbemannte Betrieb, weil die Kunden trotz fehlenden Personals nicht anonym bleiben: Die Ladentüren öffnen sich nur, wenn man sich per App, Giro- oder Kreditkarte identifiziert. Die Innenräume sind kameraüberwacht. „Jeder Händler kann die Technik einkaufen“, sagt Oliver Ohm, Regionalleiter Nord der Handelsberatung BBE. Die meisten Smartstores werden bislang von Start-ups betrieben. Spitzenreiter ist die 2016 gegründete Bremer Genossenschaft Tante Enso mit rund 80 Läden, gefolgt von Tante-M, einer Franchisemarke mit über 60 Standorten.

Seit 2019 im schwäbischen Grafenberg der erste unbemannte Store öffnete, sind die Konzepte vielfältiger geworden. Es gibt Outdoor-Varianten, die Kiosken ähneln, und Indoor-Konzepte für Ladenlokale in Fußgängerzonen oder Bahnhöfen. Damit die Shops auch ohne Personal nahbar erscheinen, haben die 50 oder mehr Quadratmeter großen Outdoor-Teos begrünte Dächer und sind mit Büchertauschboxen oder Sitzbänken kombiniert. Rewe benennt seine Nahkaufboxen nach den Vornamen der Händler, die das Angebot betreuen („Josefs Box“). Bei Tante Enso können die Kunden das Sortiment mitbestimmen.

Das Konzept werde „in Zukunft nicht nur eine Ergänzung, sondern möglicherweise eine Alternative zum traditionellen Handel darstellen“, heißt es in einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, denn die Innovation kommt an. Laut Umfrage können sich zwei Drittel der Frauen und über 70 Prozent der Männer das Einkaufen im autonomen Store vorstellen.

Lob im Alltag

Auch im Praxistest „fallen die Kundenreaktionen insgesamt gut aus“, so Jessica Becker, Marketingleiterin bei der für Teo zuständigen Tegut-Schwesterfirma Smart Retail Solutions. Kritik gebe es vor allem, wenn Ware schnell ausverkauft sei, etwa Grillzubehör an sonnigen Wochenenden. Für Notfälle, Reklamationen oder Umtausch gibt’s eine Hotline.

Allerdings äußerte in der KPMG-Umfrage jeder Zweite Bedenken, ob der Datenschutz gewährleistet sei. Besonderes Misstrauen rufen die Grab-and-Go-­Stores hervor. Dabei machen gerade sie das Einkaufen besonders einfach, wenn zuvor eine entsprechende App auf dem Smartphone installiert wurde.

Ohne Bezahlung gehen ist ungewohnt

Genau das wollen manche Verbraucher aber nicht. Andere stören sich daran, beim Einkaufen gefilmt zu werden, obwohl die Händler beteuern, dass keine Gesichtserkennung stattfinde – die Warenauswahl wird durch Bewegungsmuster zugeordnet. Und überhaupt: Waren einzupacken und ohne Bezahlung zu gehen, sei für die meisten sehr ungewohnt. „So weit sind die Kunden noch nicht“, sagt Becker.

In vielen Supermärkten kann man Geräte erhalten, mit denen man selbst die Waren einscannen kann.

Händlern bieten Smartstores viele Vorteile. „Die mühselige und oft vergebliche Personalsuche entfällt“, sagt Experte Ohm. Für die Wirtschaftlichkeit der Mikroläden noch wichtiger sei aber die Ausweitung der Öffnungszeiten. Ohm: „An Sonn- und Feiertagen werden zwischen 20 und 40 Prozent der Umsätze erzielt.“ Ob wirklich 24/7 verkauft werden darf, hängt allerdings vom jeweiligen Bundesland ab.

Für etablierte Lebensmittelhändler hat das Konzept eine Kehrseite: Je mehr sich die Kunden dezentral versorgen, desto weniger fahren sie zum Einkaufen in die City. Die großen Ketten müssen also aufpassen, dass sie sich nicht selbst Konkurrenz machen. Doch auch dort bewegt sich etwas. Bei Edeka wagen sich Händler wie Kaufmann David Ott vor, der im Juli 2025 einen 150 Quadratmeter großen Smartstore mit 2500 Artikeln am Ostseestrand von Wassersleben eröffnete.

Einkauf vom Förderband

Experimentierfreudig zeigt sich Rewe. Neben den 40 Quadratmeter großen Nahkaufboxen mit 700 Artikeln werden unter dem Namen „Rewe ready“ voll automatisierte Shops an E-Ladestationen getestet. Kunden wählen auf einem Display unter 230 Produkten, der Einkauf kommt per Förderband. Und dann gibt es noch Rewe Pick & Go nach dem Grab-and-Go-Prinzip.

Abzuwarten bleibt, was sich durchsetzt, denn trotz der Vorzüge ist Erfolg nicht garantiert. „Sicherheit kann ein Thema sein“, sagt Ohm. Das gilt vor allem für großstädtische Standorte, an denen es ungeachtet der Kameraüberwachung zu Vandalismus oder Diebstahl kommt.

Rewe probiert mehrere Formate des autonomen Einkaufens aus. Bei diesem Geschäft am Rande der Lüneburger Heide kommt die Ware vom Laufband.

Wohl auch vor diesem Hintergrund schloss Tegut im Oktober 2025 seinen erst zwei Jahre zuvor eröffneten Teo am Mannheimer Hauptbahnhof. Im ländlichen Raum entwickeln sich 24/7-Stores nicht selten zum Treffpunkt der Dorfjugend, weshalb mancherorts die Öffnungszeiten beschränkt werden.

Sind Smartstores nur der Anfang, wird es künftig keine Läden mit Personal mehr geben? Experte Ohm glaubt das nicht: „Selbst wenn der Kassenvorgang zunehmend wegfallen sollte: Die menschliche Komponente wird immer eine Rolle spielen. Kunden wollen sich austauschen, besonders, wenn es um Lebensmittel geht.“

Er sieht die Zukunft eher in einem hybriden Modell, wie es heute bereits Tante Enso und Tante-M realisieren. Dort gibt es feste Zeiten, zu denen auch Verkaufspersonal anwesend ist. Für alle, die Fragen haben, mit der Selbstbedienungskasse nicht klarkommen oder Hilfe benötigen, etwa Kinder oder Rollstuhlfahrer, die die oberen Regale nicht erreichen können.

Ohnehin lehrt die Erfahrung: kein Trend ohne Gegentrend. Während einerseits die autonomen Läden zunehmen, setzen Händler anderswo bewusst auf den Faktor Mensch und etablieren sogenannte Plauderkassen. Dank einer Initiative der Seniorenberatung darf man sich in Kempen jeden Mittwoch und Donnerstag am Vormittag bei Edeka und Rewe gern Zeit lassen und ein Schwätzchen halten.

 

„Fürs Marketing ein Eldorado“

Andrea Steinbach

Andrea Steinbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz erläutert im Interview die Vor- und Nachteile autonomer Läden.

S-Quin: Worin sehen Sie die Vorteile von Smartstores?
Steinbach: Sie machen das Einkaufen effizient, unabhängiger von Öffnungszeiten und vermeiden Kosten für die Händler. Im ländlichen Raum sind sie eine gute Sache für Menschen, für die es schwierig ist, zum Einkaufen in die nächstgrößere Stadt zu fahren – vorausgesetzt, sie verstehen die Technik.

S-Quin: Gibt es Beschwerden?
Steinbach: Fortschritt bewirkt stets, dass sich manche Menschen abgehängt fühlen. Nachteile haben auch Leute, die gern bar bezahlen, denn das geht in vielen Smartstores nicht.

S-Quin: Sind die Stores ein Schritt Richtung gläserner Verbraucher?
Steinbach: Wer dort einkaufen will, muss sich identifizieren, anders geht es nicht. Wichtig ist, dass die Anbieter die Datenschutzgrundverordnung einhalten, Daten zum Beispiel nicht dauerhaft speichern oder an Unbefugte weitergeben. Allerdings kann ein Händler durch Analyse des Einkaufsverhaltens Benutzerprofile erstellen. Fürs Marketing ist das ein Eldorado.

S-Quin: Ihr Tipp für Verbraucher?
Steinbach: Sich darüber bewusst sein, dass Daten erhoben werden, und Werbung hinterfragen, die auf diesen Informationen beruht.

Fotos: Euro-CIS, Teo, Lekkerland/Rewe, Andrea Steinbach; Illustration: Freepik.com

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