Keine Lust auf Lehnstuhl

Viel Zeit und Selbstbestimmung, aber weniger Geld und Anerkennung: Altersrentner müssen sich neu aufstellen. Am besten bereiten sie sich frühzeitig auf diesen Lebensabschnitt vor. Tipps für eine erfüllte Zeit im Ruhestand.

Text: Eva Neuthinger

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, sang Udo Jürgens einst. Für Kerstin Fischer stimmt das nur halb. Kurz vor ihrem Ruhestand starb ihr Mann, ein Beamter. Sie selbst war viele Jahre bei einer Firma im Büro angestellt, kümmerte sich zuletzt aber in erster Linie um ihren kranken Partner. Mit der Witwenpension in Kombination mit ihrer eigenen Rente kann sie auskommen. „Aber das Geld ist knapp, ich kann nichts sparen“, so Fischer.

Deshalb arbeitet die Rheinländerin nebenher als Rezeptionistin. Der Minijob bringt ihr jeden Monat netto 600 Euro. Sie genießt ihr Leben, ohne zu viel Stress zu haben. „Ich möchte noch aktiv sein und arbeiten, aber möglichst nur machen, was mir gefällt – und vor allem nicht unter Druck“, sagt sie. So geht es vielen Menschen im Rentenalter: Sie wollen ihre Zeit selbstbestimmt nutzen. Oft arbeiten sie weiter, weil Geld fehlt oder sie darin Erfüllung finden.

Inzwischen liegt die Erwerbsquote der 65- bis 69-Jährigen bei 21 Prozent, so ein Ergebnis des jüngst veröffentlichten „Altersübergangs-Reports“ der Universität Duisburg-Essen in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung. Etwa 20 Prozent davon arbeiten Vollzeit. Es dürften mehr werden: Bis 2039 wird knapp ein Drittel aller Erwerbspersonen, die dem Arbeitsmarkt 2024 zur Verfügung standen, die Regelaltersgrenze von 67 Jahren überschreiten. Viele bereiten sich jetzt auf den Ruhestand vor.

Wer sich über den Job definiert, hat es schwer

Das fällt einigen schwer. „In unserer Gesellschaft hängt das eigene Selbstwertgefühl bei vielen Menschen von ihrer Leistung ab und der Anerkennung, die sie dafür bekommen“, erklärt Michael Alexa, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Supervisor der Praxisgemeinschaft CIT in Köln und Mitglied des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Wer seine Identität so über den Job definiere, trage ein viel höheres Risiko für Unzufriedenheit „als jemand, für den das Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit positiv besetzt ist. Es kommt wesentlich auf die eigene Haltung an“, sagt Alexa. Rentner sollten sich als Gestalter ihres Ruhestands sehen: „Sie dürfen darauf vertrauen, mit der neuen Situation klarzukommen.“ Schließlich habe die Mehrheit bereits etliche Herausforderungen gemeistert.

Langfristig erfüllt Nichtstun kaum

Anfangs steht meist im Vordergrund, endlich zu entspannen. „Vor allem im ersten und im zweiten Jahr stellt sich bei vielen ein Effekt wie in den Flitterwochen ein. Den Neurentnern geht es teilweise besser oder zumindest so gut wie vorher“, so Georg Henning, psychologischer Forscher beim Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin.

Langfristig aber erfüllt das Nichtstun kaum. Senioren fühlen sich häufiger isoliert. Wenn mangelnde Bewegung, schlechte Ernährung oder eine Partnerschaft hinzukommen, die von Schweigen oder Auseinandersetzungen geprägt ist, können eine depressive Episode, eine Angststörung oder psychosomatische Beschwerden die Folge sein.

Hohes Ansehen: 86 Prozent der Firmen schätzen das Wissen und die Fähigkeiten älterer Mitarbeiter. 56,6 Prozent brauchen sie, weil sie Stellen nicht besetzen können – eine Folge des Fachkräftemangels, so die Hans-Böckler-Stiftung.
Hohes Ansehen: 86 Prozent der Firmen schätzen das Wissen und die Fähigkeiten älterer Mitarbeiter. 56,6 Prozent brauchen sie, weil sie Stellen nicht besetzen können – eine Folge des Fachkräftemangels, so die Hans-Böckler-Stiftung.

„Diejenigen, die mit dem Wegfall der Berufstätigkeit in ein depressives Loch fallen, haben eine negative Sicht auf ihre Umwelt, sind inaktiv und antriebslos sowie kaum noch genussfähig“, so Alexa. Wenn der Partner beklagt, dass man nur noch rumhänge, sollte man dies als wichtiges Signal ansehen und nach passenden Aktivitäten Ausschau halten. „Der Tisch des Lebens ist reichlich gedeckt“, macht Alexa Mut.

Ruhestand auf Probe

Wer sich während der letzten Berufsjahre fragt, was ihm später Spaß bereiten könnte, hat es dann leichter, Freiräume für seine Interessen zu nutzen. Gegen Ende der Berufstätigkeit kann es sinnvoll sein, einige Wochen Urlaub zu Hause zu verbringen und zu erproben, wie sich der Ruhestatus anfühlt. Alexa: „Wer sich in diesen zwei Wochen unwohl fühlt, bekommt schon mal eine Ahnung, was auf ihn zukommt.“

Nach einer Forsa-Studie im Auftrag des Malteser Hilfsdiensts stehen als Beschäftigung Lesen, Wandern und Spazierengehen allein oder in der Gruppe, Sport im Fitnessstudio oder Verein sowie Gartenarbeit bei Senioren häufig oben auf der Agenda. Andere sind kreativ oder halten sich fit beim Spielen in der Gruppe. Die Volkshochschulen sind stets eine Anlaufstelle, um sich weiterzubilden. Hochschulen bieten Senioren die Möglichkeit, sich einzuschreiben, auch im Fernstudiengang.

Gemeinnützig tätig werden

Gerade Führungskräften fehlt oft die Anerkennung aus ihrem Job. „Nicht nur für sie gilt, auch im Rentenalter soziale Kontakte zu pflegen und die eigenen Kompetenzen zum Beispiel in eine Vereinstätigkeit einzubringen“, betont Alexa. Organisationen wie Tafeln, die Nachbarschaftshilfe, Sportklubs, Umweltschutzinstitutionen, Lesepatenschaften oder der Senior Expert Service (www.ses-bonn.de) für Fach- und Führungskräfte freuen sich über Zuwachs.

Laut Hans-Böckler-Stiftung beschäftigen 55 Prozent der Firmen mit einem Betriebsrat Menschen im Rentenalter. Die meisten (82,5 Prozent) waren dort bereits in der Erwerbsphase angestellt. Über alle Branchen und Betriebsgrößen arbeiten Rentner nach Angaben der Universität Duisburg-Essen meist unter 15 Stunden pro Woche. Jeder Zweite von ihnen macht laut Malteser Hilfsdienst einen Minijob. Beliebt sind Tätigkeiten als Hausmeister, im Verkauf, als Büro- oder Putzhilfe oder im Fahrdienst.

Beliebte Minijobs

Geringfügig Beschäftigte können seit Anfang 2026 bis zu 603 Euro im Monat in der Regel abgabenfrei verdienen, im Jahr 7236 Euro. Altersrentner dürfen unbegrenzt hinzuverdienen, ohne dass sich dies auf die Rente auswirkt. Das gilt auch, wenn man regulär Teil- oder Vollzeit arbeitet. Alle außer den geringfügig beschäftigten Minijobbern müssen aber an die Steuern denken, die Einnahmen sind oft steuerpflichtig. Neu: Seit Jahresanfang bleibt bei einer sozialversicherungspflichtigen Anstellung ein Verdienst von bis zu 2000 Euro im Monat vom Zugriff des Fiskus verschont (siehe „Die neue Aktivrente“).

Interessenten finden Jobangebote zum Beispiel über Silvertalent, das sich als größte Plattform für Rentner bezeichnet. Alternativ weist Indeed Rentnerjobs aus – allein in NRW 19 000 offene Stellen. Stepstone oder Heyjobs sind weitere Adressen.

Kerstin Fischer hat ihre Rentnertätigkeit über Empfehlungen von Freunden und Bekannten bekommen. Parallel durchforstete sie im Wochenblatt ihrer Gemeinde und in der Zeitung die Stellenanzeigen und verfolgte beim Einkaufen die Aushänge.

 

Die neue Aktivrente

Seit Jahresanfang profitieren sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die die Regelaltersgrenze erreicht haben, von Steuer- und Rentenvorteilen. Das Wesentliche im Überblick.

  • Hinzuverdienst. Egal, ob schon Rentenbezieher oder ohne Rente erwerbstätig: Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, kann mit einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit monatlich 2000 Euro steuerfrei hinzuverdienen. Beispiel: Verdient ein solcher Arbeitnehmer 3000 Euro brutto im Monat, fällt lediglich auf 1000 Euro Lohnsteuer an.
  • Rentenanspruch. Wer noch keine Altersrente bezieht, steigert den Rentenanspruch. Man zahlt weiter in die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) ein. Zusätzlich steigt der spätere Rentenanspruch durch den aufgeschobenen Rentenbeginn um 0,5 Prozent pro Monat. Fließt bereits die volle Altersrente, zahlt nur der Arbeitgeber GRV-Beiträge.
  • Krankenversicherung. Auf das Arbeitsentgelt fallen weiterhin Krankenversicherungsbeiträge an, allerdings ist der Arbeitnehmeranteil um 0,6 Prozentpunkte niedriger als regulär. Vollrentner haben im Krankheitsfall keinen Anspruch auf Krankengeld.

„Der Status bleibt“

Georg Henning forscht beim Deutschen Zentrum für Altersfragen.

Georg Henning
Georg Henning

S-Quin: Einige künftige Rentner freuen sich darauf, andere schieben den Gedanken an den Ruhestand lieber von sich. Was überwiegt?

Henning: Studien zeigen, dass die Rentenzeit nur etwa 10 bis 20 Prozent der Senioren belastet. Die große Mehrheit ist okay damit. Viele wissen es sehr zu schätzen, jetzt die Möglichkeit zu haben, Neues auszuprobieren oder das zu tun, was zuvor zu kurz gekommen ist.

S-Quin: Wie erfolgt der Anpassungsprozess?

Henning: In der Regel sinkt die Arbeitszufriedenheit kurz vor der Rente. Man weiß nicht, ob dies für die Betroffenen dann Anlass ist, schnell in Rente zu gehen, oder ob man die Motivation verliert, weil man weiß, dass der Ruhestand naht. Das ist noch nicht erforscht. Aber der Beruf verliert mit dem Alter auf jeden Fall bei vielen an Stellenwert. Je weniger Zeit bis zur Rente bleibt, desto weniger Einfluss hat die Erwerbstätigkeit auf die Lebenszufriedenheit allgemein. Interessant ist, dass viele Menschen zwischen 60 Jahren und 70 Jahren sich wohler fühlen als ihre Kinder.

S-Quin: Was passiert, wenn es so weit ist?

Henning: Die Verbindung zum Beruf bleibt in der Regel Teil der eigenen Identität. Rentner geben ihren Status nicht ab: Ich bin jemand, weil ich diesen Beruf ausgeübt habe. Nur die tägliche Bestätigung muss man sich woanders suchen.

S-Quin: Wann sind Probleme programmiert?

Henning: Wenn Menschen nicht die Zeit haben, ihren Ausstieg zu planen, und die Kontrolle darüber verlieren, etwa weil sie aus Krankheitsgründen früher als gewollt ausscheiden oder weil sie betriebsbedingt gekündigt werden, tragen sie ein erhöhtes Risiko, in eine Krise zu rutschen. Auch finanzielle Engpässe spielen eine Rolle. Außerdem wird es schwierig, wenn man nur aus dem Beruf Freude schöpft und allein darin aufgeht.

Fotos Adobe Stock, Georg Henning

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