Sogenannte Thrifting-Events wie Weiberkram und Nachtyard haben die Trödelmärkte revolutioniert. Hier stöbert man bei Bier und Streetfood nach Schätzen.
Text: Sarah Lohmann
Während ein DJ Housebeats serviert, drängen sich junge Menschen mit einem Kaltgetränk in der Hand um eine Windjacke aus den Neunzigern. Was früher nach feuchtem Keller, Mottenkugeln und finanziellem Engpass roch, duftet heute nach Streetfood und Chai Latte. Secondhand ist längst nicht mehr die letzte Rettung für den schmalen Geldbeutel; es ist das Lifestyle-Statement einer Generation, die den Planeten retten und dabei unverschämt stylish aussehen will.
Heute locken urbane Industriekulissen, Klubatmosphäre, Streetfood, Workshops und Musik. Die Kleidung firmiert inzwischen unter dem Label „pre-loved“ – sie wurde bereits geliebt, was deutlich charmanter klingt als „gebraucht“. Dieses attraktive Gesamtpaket zieht ein vielfältiges Publikum an: Von Rentnerinnen über Familienväter bis zur Gen Z haben alle erkannt, dass ein Vintage-Pulli oder eine seltene Sammlerjacke deutlich mehr Identität stiftet als das zehnte T-Shirt aus der Massenproduktion.
Einladende Atmosphäre statt Tapeziertisch
Auch die Art der Präsentation hat sich gewandelt. Verkäuferinnen und Verkäufer dekorieren ihre Stände liebevoll mit Tischdecken, batteriebetriebenen Lichterketten und handgeschriebenen Schildern. Das wirkt deutlich einladender als der klassische, farbbekleckste Tapeziertisch aus dem Keller. Und selbstverständlich geht es um mehr als nur das Geschäft. Solche Events leben vom direkten Austausch, vom Fachsimpeln und guter Laune.

Damit der Tag auf dem Event nicht im Frust endet, ist die richtige Strategie für Besucher und Aussteller gleichermaßen entscheidend. Melanie Diop, die Frau, die das Format „Weiberkram“ zum Leben erweckt hat, kennt die Kniffe in- und auswendig. Um ein echtes Schnäppchen zu machen, rät sie allen Suchenden, entweder früh oder richtig spät einzutreffen.
Zudem empfiehlt die studierte Modedesignerin, nicht nur die Optik zu prüfen, sondern die Stoffe mit den Fingerspitzen zu scannen. „Nicht nur schauen, sondern fühlen. Die besten Teile hängen oft unscheinbar zwischen Standardware. Wer Geduld hat und ein Auge entwickelt, gewinnt immer“, so die Expertin.
Ein weiterer Tipp für die improvisierten Umkleiden auf den Märkten: das Outfit am Event-Tag so wählen, dass man leicht andere Stücke darüberziehen kann. Weite Baggyjeans zu komplizierten Schnürstiefeln sollten also vielleicht bei einem anderen Anlass getragen werden.
Der Pullover als Statement
Neben Weiberkram gibt es ähnliche Formate wie Nachtyard und Thriftpark sowie auf Vintage-Kilopreise spezialisierte Event-Serien wie Vinokilo oder Be Thrifty. Gründerinnen wie Melanie Diop schufen diese Formate als laute, bunte Antwort auf den Wegwerfwahn der Fast-Fashion-Industrie. Sie sieht den rasanten Erfolg des Thrifting-Trends vor allem in einer neuen Geisteshaltung der Konsumenten begründet. „Ich glaube, es ist diese Mischung aus Nachhaltigkeit und Individualität. Die Leute wollen keine Fast Fashion von der Stange mehr, sondern Stücke, die nicht jeder hat“, erklärt sie. „Und Thrifting gibt dir genau das – plus das Gefühl, einen kleinen Schatz gefunden zu haben.“
Durch den Event-Charakter wird Secondhandshopping zudem zu einem mächtigen Werkzeug der Identitätsbildung. Wer hier einkauft, signalisiert: Ich habe Stil, ich zeige Haltung, und ich habe verstanden, dass ökologische Verantwortung weit über die Mülltrennung hinausgeht.

DJs, Tattoo-Artists und Baristas erschaffen dabei jenes Setting, das den Besuch zum Erlebnis macht. Laut Diop liegt der Erfolg darin, dass eben nicht mehr der reine Konsum im Fokus steht: „Menschen wollen raus, sich inspirieren lassen, Zeit mit Freunden verbringen. Dieses Drumherum schafft eine Atmosphäre, in der man sich gern aufhält – und genau das macht einen modernen Markt aus.“
Besonders Formate wie der Nachtyard treiben dieses Konzept auf die Spitze. Hier wird das Stöbern zum Nightlife-Event, bei dem die Grenze zwischen Marktbesuch und Klubnacht so gekonnt verwischt, dass man sich beim Anprobieren einer Lederjacke aus den Achtzigern fragt, ob man danach direkt auf die Tanzfläche stolpern oder doch erst noch einen Snack am Foodtruck verspeisen soll.
Bühne frei für Omas Dachboden

Ein weiteres Highlight der neuen Kreislaufwirtschaft liefert der Kölner Bazar de Nuit. In der Kulisse des Odonien – eines Freiluftateliers und Kulturzentrums zwischen beeindruckender Schrottkunst und kreativer Freiheit – werden Fundstücke nicht nur über den Flohmarkttisch gereicht, sondern Kuriositäten und Raritäten zusätzlich per Auktion auf der Bühne versteigert. Da der Veranstalter ein gemeinnütziger Verein ist, stehen die Auktionen unter dem Motto „Trödel & Trubel für den guten Zweck“. Die Erlöse fließen in die Unterstützung sozialer Projekte sowie lokaler Kunst- und Kulturinitiativen.
Wann und wo: Hier werden Sie fündig
- Weiberkram/Kinderkram/Trödelkram/Plus Size: weiberkram.org
- Nachtyard: nachtyard.de
- Bazar de Nuit: bazardenuit.de
- Be Thrifty: bethrifty.events
- Vinokilo: vinokilo.events
- Thriftpark: thriftpark.de
Fotos: Bazar de Nuit, Nachtyard, Weiberkram

