Keine Angst vor Börsenstürmen

Geopolitische Konflikte und Krisen haben zuletzt für Unruhe an den Finanzmärkten gesorgt. Wer sein Portfolio sorgfältig aufbaut und mit kühlem Kopf investiert, kann bei Turbulenzen gelassen bleiben.

Text: Thomas Luther

Der 8. April dieses Jahres wird vielen Anlegerinnen und Anlegern noch länger im Gedächtnis bleiben. An jenem Tag verkündete US-Präsident Donald Trump eine erste Waffenruhe im Konflikt mit dem Iran. Die gute Nachricht katapultierte die Kurse an den Weltbörsen nach oben. Um 1100 Punkte legte der DAX bis zum Handelsschluss zu. Auch die US-amerikanischen Indizes verzeichneten deutliche Anstiege. Dass an den Finanzmärkten ein solch abrupter Stimmungswechsel stattfinden könnte – damit hätten zu dem Zeitpunkt auch Optimisten nicht gerechnet. Denn in den Tagen und Wochen zuvor hatte die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten die Kurse zeitweise in den freien Fall gebracht.

Explosionsartig steigende Preise an den Energiemärkten schürten Rezessionsängste. Doch wer in dieser Phase seine Wertpapiere verkaufte, stand am Ende als Verlierer da. Für die Wall Street war Trumps Friedenssignal der Startschuss zu einer rasanten Aufwärtsrallye. Binnen zwei Wochen machte der marktbreite S&P-500-Index nicht nur die vorangegangenen Verluste wett, er erreichte ein neues Rekordhoch.

Geduld zahlt sich aus

Die jüngsten Börsenturbulenzen haben gezeigt: Geduld und Disziplin zahlen sich bei der Anlage in Wertpapieren langfristig aus. Wer in unsicheren Marktphasen überhastet verkauft und auf Bargeld setzt, bis wieder ruhigere Zeiten kommen, zieht in Sachen Rendite häufig den Kürzeren. „Versuchen sich Anleger an Timingstrategien, riskieren sie, die Erholung nach einem Kursrückgang zu verpassen, weil sie zu lange mit dem Einstieg warten – und gefährden damit ihre Anlageziele“, weiß Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der DekaBank. „Die Erfahrung zeigt, dass überdurchschnittlich gute und schlechte Handelstage oft nahe beieinanderlagen und häufig in volatile Marktphasen fielen. Beides macht es selbst für Profis schwer, ein Auf und Ab gewinnbringend auszunutzen.“

Der DAX etwa beendete das von Corona geprägte Börsenjahr 2020 nahezu auf Rekordniveau mit einem Plus von rund 3,5 Prozent – trotz des heftigen Absturzes im Frühjahr. Am 12. März hatte der Index über 12 Prozent verloren – um knapp zwei Wochen später wieder um fast 11 Prozent zuzulegen. Wer diesen Tag verpasst hatte, hatte kaum noch eine Chance, mit deutschen Aktien in den Monaten danach so gut abzuschneiden wie der Gesamtmarkt.

Keine Entwarnung

Herrscht mit der Erholung an den Börsen nun wieder Sonnenschein? Nicht ganz. „Die Volatilität vor allem an den Aktienmärkten wird hoch bleiben“, warnt Schallmayer. Er rät, die starken Kursschwankungen als Anlass zu nehmen, das eigene Portfolio auf den Prüfstand zu stellen und nach Risiken zu durchleuchten. Wer gezielt einige Umbauten macht, ist resilienter für kommende Krisen aufgestellt.

Dazu gehört zuerst der generelle Check. Passt der Mix von Anlageklassen noch zu den eigenen Zielen? Sichere Anleihen zum Beispiel wirken wie ein Puffer, um bei starken Marktverwerfungen nicht unüberlegt handeln zu müssen. Auf der anderen Seite sollte so ein Sicherheitsbaustein nicht zu groß ausfallen, denn die Vergangenheit hat gezeigt: Die höchsten Renditen lassen sich langfristig am Aktienmarkt erzielen.

Auf das eigene Risikoprofil kommt es an

Wie der Mix der Anlageklassen ausfällt, hängt von der individuellen Risikotragfähigkeit ab. Kann man ein Minus von zum Beispiel 20 Prozent, das zunächst nur auf dem Papier steht, psychologisch verkraften? Die Erfahrung zeigt: Meist sind Verluste nur vorübergehend. Aber diese Phase muss man überbrücken. Das gelingt am ehesten, wenn man das Kapital in dieser Zeit nicht benötigt.

Die regelmäßige Überprüfung und Anpassung der Anlageprodukte gehören zum Pflichtprogramm. So ein Re-Balancing, wie es in der Fachsprache heißt, verhindert, dass das Portfolio Schlagseite bekommt und die Portfoliostruktur nicht mehr zu den ursprünglichen Zielen passt. Gerade bei größerem Vermögen sollte das Anlagekapital nicht nur auf Aktien und Anleihen, sondern auch auf andere Anlageklassen verteilt werden. Immobilien und Rohstoffe, vor allem Gold, gelten als vergleichsweise wertstabil. Faustregel: je ausgewogener die Aufteilung des Portfolios auf unterschiedliche Vermögensklassen, desto krisenfester wird es.

An der Börse ist es wie beim Schachspiel: Man sollte immer einen kühlen Kopf bewahren und strategisch denken.

Eine gute Diversifikation kann Verluste zwar nicht verhindern, erfahrungsgemäß aber dämpfen und im Idealfall auf lange Sicht ausgleichen. Gold zum Beispiel ist wegen der Aussicht auf steigende Zinsen auf Tages- und Festgeld zuletzt ebenfalls unter Druck geraten. Kurzfristig hat das Edelmetall damit als sicherer Hafen enttäuscht. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass sich der Preis in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt hat.

Das Beispiel zeigt aber auch: Ebenso wichtig für ein gut strukturiertes Portfolio ist die breite Streuung innerhalb einzelner Anlageklassen auf Titel unterschiedlicher Branchen, Regionen und gegebenenfalls Unternehmensgrößen. Das senkt zusätzlich das Anlagerisiko. Mit marktbreit investierenden Investmentfonds oder ETFs ist eine solche Diversifizierung auch mit geringeren Anlagebeträgen möglich.

Technologiesektor im Wandel

Doch auch hier sollte von Zeit zu Zeit eine Revision vorgenommen werden. So kann es eine Überlegung wert sein, durch den Verkauf von Wertpapieren Gewinne zu sichern – bei solchen Positionen, die sehr gut gelaufen und inzwischen unter Umständen hoch bewertet sind. Anlagestratege Joachim Schallmayer geht zum Beispiel davon aus, dass der Technologiesektor in puncto Performance nicht mehr so dominant sein wird wie in den vergangenen Jahren (siehe auch Interview).

Der Technologiesektor war zuletzt die treibende Kraft an der Börse. Das muss aber nicht so bleiben.

Umgekehrt stellt sich die Frage, wo es sich unter den veränderten Rahmenbedingungen lohnt, aufgelaufene Gewinne zu realisieren und Schritt für Schritt taktisch neu zu investieren. Der Krieg im Nahen Osten wird Schallmayer zufolge nicht ohne Folgen für den Welthandel bleiben.

Die Versorgungslage bei Öl und Gas wird nach Einschätzung des EU-Energiekommissars Dan Jørgensen lange Zeit angespannt sein. Zusätzlich stehen Lieferketten, etwa für Dünger, unter Druck. Die Notenbanken haben daher die Inflation genau im Blick. Kommt es zum dauerhaften Preisschub, werden sie ihre Leitzinsen erhöhen und damit die Konjunktur bremsen.

Vorteil für Platzhirsche

Anlageprofis wie Robert Palvadeau, Portfoliomanager Global Equities bei der Deka, halten zwar an ihrem grundlegenden Investmentansatz fest, setzen bei ihrer Strategie aber andere Akzente. „Die Frage ist aktuell: Welche Unternehmen haben in ihrem Bereich Preissetzungsmacht, sodass sie die Inflation an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben können?“, erklärt er.

Dies gelingt vor allem bei einer starken Marktstellung und einem wenig konjunktursensiblen Geschäftsmodell. „Solche gezielt auf Substanz- oder Qualitätsunternehmen ausgerichteten Strategien können eine sinnvolle Ergänzung sein, denn selbst in fallenden Märkten entwickeln sich einzelne Segmente unterschiedlich“, erläutert Palvadeau.

 

In der Krise cool bleiben

Disziplin wahren und mit ruhiger Hand agieren, wenn Kurse stark fallen: In der Theorie hört sich das einfach an. Diese Tipps helfen dabei.

  • Risiko einschätzen. Wann liegen Kursverluste im Rahmen der üblichen Schwankungsbreite? Wann ist es besser, auszusteigen? Das lässt sich häufig schwer bestimmen. Oft hilft es, Rat einzuholen. Die Sparkasse berät gern.
  • Verlustgrenzen festlegen. Arbeiten Sie vorsichtshalber mit Stop-Loss-Limits. Damit verkaufen Sie Ihre Wertpapiere automatisch, wenn eine zuvor gesetzte Kursmarke unterschritten wird.
  • Emotionen kontrollieren. Auch wenn es schwerfällt: Haken Sie Verluste konsequent und schnell ab, wenn kritische Kursmarken unterschritten werden und Sie verkaufen. Ebenso: Bejubeln Sie Gewinne nicht über die Maßen.
  • Rauschen ignorieren. Schauen Sie bei Kurseinbrüchen nicht ständig ins Portfolio. Das führt zu übereilten Entscheidungen mit selten guten Folgen.
  • Stark bleiben. Vermeiden Sie es, bei einem Verlustengagement zuzukaufen, weil die betreffende Aktie nun billiger zu haben ist. Oft werfen Sie damit gutes Geld dem schlechtem hinterher.

 

„Die Kurse der Aktien bleiben gut unterstützt“

Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka, zur Börsenlage.

S-Quin: Herr Schallmayer, wie geht es weiter an den Aktienmärkten?
Schallmayer: Wir rechnen damit, dass die Weltwirtschaft durch den Krieg im Iran und den Anstieg der Energiepreise lediglich eine Delle, aber keinen Einbruch erlebt. Global agierende Unternehmen haben damit weiterhin eine solide wirtschaftliche Grundlage, sodass sie ihre Gewinne in diesem Jahr steigern können. Damit bleiben auch die Kurse der Aktien gut unterstützt.

S-Quin: Werden die großen US-Tech-Konzerne weiter eine so dominante Rolle spielen wie bisher?
Schallmayer: Die Dominanz wird bleiben, von der Ausprägung her aber abnehmen. Viele Tech-Giganten kommen in eine Reifephase, in der die heutigen Bewertungen auf den Prüfstand gestellt werden. Das geht mit einem gewissen Favoritenwechsel einher. Die Zukunft liegt nicht im Betreiben von KI-Infrastruktur, sondern in den Anwendungen darauf. Hier entstehen neue Investitionschancen.

S-Quin: Die Inflation steigt. Sollten Anleger jetzt eher in inflationsgeschützten Anleihen oder Rentenpapieren investieren?
Schallmayer: Die Inflationssituation wird sich im Jahresverlauf wieder beruhigen. Inflationsgeschützte Anleihen mit kurzen Laufzeiten erscheinen daher wenig attraktiv. Die moderat angestiegenen Zinsen bieten Anlegern dagegen die Chance, sich etwas höhere Kupons als noch zum Jahresanfang zu sichern.

S-Quin: Gold galt lange Zeit als sicherer Hafen, hat zuletzt aber nur wenig zugelegt. Warum?
Schallmayer: Weil es im Vorfeld bereits extrem stark angestiegen war. Gold ist zum Spekulationsinstrument geworden. Mit der Krise hat sich die Investorenbasis bereinigt. Der Goldpreis dürfte daher wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen.

Fotos: Adobe Stock, Joachim Schallmayer/Deka

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