Goldener Boden, neue Chancen

Die neue Lust am Handwerk: Warum junge Menschen praktische Berufe neu für sich entdecken – und welche Möglichkeiten Ausbildung, Meisterbrief und Selbstständigkeit eröffnen.

Text: Katja Stricker

Das Handwerk erlebt einen positiven Imagewandel. Lange klang für viele Abiturientinnen und Abiturienten ein Job „mit Medien“, am Computer oder im Büro verlockender als eine Ausbildung auf dem Dach, in der Werkstatt oder auf der Baustelle. Doch in einer Zeit, in der viele Büro- und Wissensjobs durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) unter Druck geraten, gewinnen handwerkliche Berufe an Reiz. Sie bieten sichtbare Ergebnisse, konkrete Sinnhaftigkeit, hohe Jobsicherheit und außerdem chancenreiche Karrierewege – von der Ausbildung über den Gesellen- und Meistertitel bis zur Selbstständigkeit oder Betriebsübernahme.

Ein wichtiger Faktor: Das Handwerk ist nicht nur Traditionsbranche, sondern auch Zukunftssektor. Ohne Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, ohne Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik und ohne Fachkräfte für vernetzte Gebäudelösungen lassen sich Energiewende, Sanierung und Smarthome kaum umsetzen.

Das Handwerk wird aber nicht nur technisch anspruchsvoller. Gebäudesanierer brauchen heute immer mehr juristisches Wissen, um Kunden sicher durch die Vorschriften im neuen Gebäudemodernisierungsgesetz und den Förderdschungel zu leiten. Das erhöht die Relevanz und Attraktivität der Tätigkeiten im Handwerk.

Das Spektrum ist breit. Mehr als 130 Ausbildungsberufe bietet das Handwerk heute, viele davon nahe an großen Zukunftsaufgaben: Bauen, Sanieren, Energie, Mobilität, Versorgung, Digitalisierung. Wer hier einsteigt, arbeitet an dem, was im Alltag gebraucht wird.

Immer noch zu viele offene Stellen

Der Bedarf übersteigt die Nachfrage nach Jobs allerdings weiterhin deutlich. Im Handwerk fehlen laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) rund 250.000 Fachkräfte. Jedes Jahr bleiben etwa 20.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Körperliche Belastung, Wetter, frühes Aufstehen und Termindruck sind nur einige der Gründe. Für Kunden heißt das: längere Wartezeiten. Für Betriebe bedeutet es: weniger angenommene Aufträge und erschwerte Nachfolgen.

Neue Klimaanlage gefällig? Die KI ist hiermit überfordert, der Mensch nicht.

Doch der ZDH beobachtet eine Trendwende. Im Handwerk steigen die Neuvertragszahlen leicht – entgegen dem Trend in der Gesamtwirtschaft. Während der Ausbildungsmarkt insgesamt rückläufig war, legte das Handwerk bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 2025 nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung um 0,4 Prozent auf rund 135.500 Verträge zu.

Das Handwerk gewinnt sogar bei jungen Menschen mit Hochschulreife wieder an Anziehungskraft. 2008 hatten nach ZDH-Angaben rund 10.000 Abiturienten eine Ausbildung im Handwerk begonnen, im Jahr 2024 waren es bereits mehr als 20.000.

Warum junge Leute umdenken

ZDH-Geschäftsführer Dirk Palige beschreibt den Wandel so: „Jahrzehntelang galt ein Studium als Königsweg für beruflichen Erfolg. Ein Klischee, das so nicht stimmt – auch vor dem Hintergrund von KI, die viele akademische Berufe verändert.“ Im Handwerk sei das erst einmal nicht zu befürchten. „Zugleich eröffnet die handwerkliche Ausbildung attraktive Karrierewege bis hin zur Selbstständigkeit“, ergänzt er.

Was viele heute suchen, ist eine Perspektive, die Sinn, Sicherheit und Eigenständigkeit verbindet. Dazu passt, dass laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung knapp 70 Prozent der jungen Befragten überzeugt sind, dass man sich mit einer Berufsausbildung später ein gutes Leben leisten könne. 43 Prozent wollen eine Ausbildung machen, weitere 45 Prozent sind noch unentschlossen. Clemens Wieland von der Bertelsmann-Stiftung sagt: „Unsere Befragungen zeigen, dass die Mehrheit der jungen Menschen eine Ausbildung als gute Basis für die berufliche Karriere sieht. Im Vergleich zu den Coronajahren werden heute die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, deutlich positiver eingeschätzt.“

Junge Menschen schauten auch genau darauf, was ihnen ein Beruf langfristig ermögliche, beobachtet Wieland: „Ganz vorn steht bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes der Wunsch nach einem guten Betriebsklima. Direkt dahinter folgen gute Bezahlung nach der Ausbildung, spannende Aufgaben und gute Übernahmechancen.“

Zugleich wird die Branche in den sozialen Medien sichtbarer. Junge Handwerkerinnen und Handwerker zeigen ihren Arbeitsalltag modern, selbstbewusst und authentisch. „Sie treffen damit den Nerv der jungen Generation“, sagt Palige. Viele wollten nicht mehr nur „irgendwas mit Laptop“ tun, sondern etwas Reales gestalten. „Am Ende eines Tages sieht man, was man geschaffen hat – sei es ein gebautes Dach, eine installierte Solaranlage, hochwertig produzierte Lebensmittel oder ein funktionierendes Hörgerät“, betont er.

Die Klimawende gestalten

Das Handwerk profitiert auch davon, dass es für zentrale gesellschaftliche Aufgaben unverzichtbar ist. Wer Wärmepumpen einbaut, Solartechnik installiert oder Gebäudesysteme vernetzt, arbeitet dort, wo sich entscheidet, ob der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft gelingt. Lydia Malin, Expertin für Arbeitsmarkt und Fachkräftemangel beim Institut der deutschen Wirtschaft, sieht aber auch Engpässe in einigen Bereichen: „Vom Fachkräftemangel stark betroffen sind Berufe, die für die Klimawende relevant sind, etwa Bauelektrik oder Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Außerdem fehlen Fachkräfte im Lebensmittelhandwerk und in der Kraftfahrzeugtechnik.“

Ob auf dem Dach oder in der Fabrikhalle: Handwerker werden überall benötigt – insbesondere, wenn es um Energietechnik oder vernetzte Systeme geht.

Gleichzeitig verändert moderne Technik die Berufsbilder. Pläne entstehen digital, Kundentermine werden per App organisiert, Maschinen computergestützt gesteuert, Bauteile kommen aus dem 3D-Drucker. Auf der Baustelle, in der Werkstatt oder beim Kunden braucht es weiterhin Menschen mit Erfahrung, Materialgefühl und Fachwissen. Aber dieses Können wird durch digitale Werkzeuge ergänzt.

Dirk Palige bringt es auf den Punkt: „KI kann handwerkliche Tätigkeiten nicht ersetzen. Die Installation einer Wärmepumpe, die Wartung einer Maschine oder die Sanierung eines Gebäudes werden auch künftig Fachkräfte vor Ort erfordern.“ Auch Lydia Malin verweist darauf, dass handwerkliche Tätigkeiten in weiten Teilen nicht automatisiert oder in Billiglohnländer ausgelagert werden können.

Vom Azubi zum Chef

Nach der Ausbildung eröffnen sich gute Chancen auf Übernahme, Weiterbildung, Spezialisierung und Aufstieg. Auf die duale Ausbildung folgen Qualifizierungen, etwa zum Meister, zum Servicetechniker, zum geprüften Restaurator im Handwerk oder zum Betriebswirt nach der Handwerksordnung. Hinzu kommen Spezialisierungen in erneuerbaren Energien, Smarthome oder nachhaltigem Bauen.

Handwerker benötigen auch immer mehr regulatorisches Wissen – das macht die Berufe anspruchsvoller.

Es gibt nicht den einen Karriereweg, sondern viele Entwicklungspfade – bis zum eigenen Betrieb. Und auch hier ist der Zeitpunkt günstig: In den nächsten fünf Jahren werden rund 125.000 Betriebe einen Nachfolger suchen. „Wer heute ins Handwerk einsteigt, hat nicht nur gute Beschäftigungsaussichten, sondern auch hervorragende Perspektiven, früh unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Einen bestehenden Betrieb zu übernehmen, bietet den Vorteil, auf gewachsenen Strukturen und Kundenbeziehungen aufzubauen und gleichzeitig eigene Ideen einzubringen“, sagt ZDH-Geschäftsführer Palige. Der Meisterbrief kann der Schlüssel sein, um auszubilden, eine Firma zu führen oder einen bestehenden Betrieb zu übernehmen.

Machen statt reden

Natürlich bleibt das Handwerk anspruchsvoll. Viele Berufe verlangen Ausdauer, Genauigkeit und Einsatzbereitschaft. Arbeitszeiten, Wetter, zunehmende Bürokratie und körperliche Belastung gehören dazu. Andererseits machen die praktischen Aspekte den Beruf für viele attraktiv: Hier wird nicht nur geplant und geredet, hier wird gemacht. Der alte Satz vom Handwerk mit goldenem Boden wirkt deshalb wieder erstaunlich aktuell.

Fotos: Adobe Stock

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