Neusser Chefdirigent Christoph Koncz: „Die Zeit der Pultdiktatoren ist vorbei“

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Der Österreicher Christoph Koncz ist sehr gefragt – und das gleich doppelt. Neben seiner Tätigkeit als zweiter Geiger bei den Wiener Philharmonikern hat der 34-jährige auch einen immer voller werdenden Terminkalender als Dirigent. Das hielt ihn aber nicht davon ab, seinen Vertrag als Chefdirigent der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein bis 2024 zu verlängern, mit einer Option auf ein weiteres Jahr. „Ich bin sehr gern in Neuss, die Arbeit mit dem Orchester bereitet mir sehr viel Freude“, sagt er.

Interview: Gunnar Erth

Herr Koncz, in welchem Alter haben Sie Ihr erstes Konzert gegeben?
Oh, das weiß ich gar nicht mehr – wahrscheinlich mit fünf oder sechs. Ich habe mit vier Jahren angefangen Geige zu spielen.

Stammen Sie aus einer Musikerfamilie?
Das ist tatsächlich so! Wir sind zu fünft und alle fünf sind klassische Musiker. Mein Vater ist Dirigent, meine Mutter Flötistin, meine Schwester unterrichtet Klavier und mein Bruder ist Cellist bei den Berliner Philharmonikern. Bei uns zuhause waren die ganzen Instrumente und Noten verfügbar, wir hatten also einen sehr spielerischen Zugang. Ich bin meinen Eltern wirklich sehr dankbar, dass sie sich so um unsere Ausbildung gekümmert haben. Mein Bruder und ich sind immer zu den Proben unseres Vaters gegangen, das war unser liebster Zeitvertreib.

Wie war es denn als Kind Konzerte zu spielen?
Ich habe es immer sehr genossen auf der Bühne zu stehen. Das war eine große Motivation und dieses Gefühl hat sich bis heute nicht geändert. Ich mag die Kommunikation mit dem Publikum. Für mich war aber auch wichtig, dass ich ein normales öffentliches Gymnasium besuche und kein Musikgymnasium, denn zuhause hatte ich ja ohnehin schon viel Kontakt zu Musikern.

Seit 2019 ist Christoph Koncz Chefdirigent der Deutschen Kammakademie Neuss am Rhein. Foto: Melanie Stegemann

Mit 9 spielten Sie ein Wunderkind im Kinofilm „The Red Violin“. Wie kam es dazu?
Die kanadische Produktionsfirma drehte den Film in fünf Ländern und wollte für die Rolle des Wunderkinds Kaspar Weiss einen echten Geiger haben. Da dieser Teil des Films in Österreich spielt, wandten sie sich an die Musikuniversität und baten sie um Kontakte. Als man mich fragte, ob ich an einem Casting mitwirken möchte, meinte ich: klar, wieso nicht. 40 Kinder machten mit, gleich in der ersten Runde mussten wir die Filmmusik von John Corigliano spielen, die später einen Oscar bekam. Das was ganz schön herausfordernd für ein Kind.

Wie erinnern Sie sich an die Dreharbeiten?
Das war ein besonderes Erlebnis. Die Dreharbeiten an sich dauerten etwa einen Monat, dazu kamen mehrere Monate Vorbereitungszeit. Es war sehr spannend, auch die Fahrt zur Premiere beim Festival in Venedig – die auch noch genau an meinem 11. Geburtstag war.

Interesse an einer Filmkarriere hatten Sie aber nicht?
Nein. Der Film war ein Ausflug in eine andere Welt und hat meinen Horizont erweitert. Aber schon als Kind wollte ich ausschließlich Musiker werden. Ich musste nie eine Entscheidung treffen, was ich beruflich machen möchte. Es war immer klar.

Sie kommen aus einer österreichisch-ungarischen Familie, sind aber in Konstanz geboren.
Das stimmt, mein Vater ist Ungar, meine Mutter Österreicherin. Diese Verbindung zu Österreich und Ungarn ist für mich sehr wichtig. Wir sind nach Wien zurückgezogen, als ich fünf Jahre alt war. Ich bin also in erster Linie dort aufgewachsen, was man auch hört.

Christoph Koncz mit der künstlerischen Leiterin der Deutschen Kammakademie Isabelle van Keulen. Foto: Susanne Diesner

Haben Sie auch Ungarisch gelernt?
Leider nicht. Die Sprache liegt mir sehr am Herzen und ich verstehe eigentlich fast alles, aber ich kann mich nicht an Gesprächen beteiligen.

Sie haben ja auch einen typisch ungarischen Nachnamen. Vielen fällt da gleich die Sängerin Zsuzsa Koncz ein.
Genau. Es gibt auch einen Geiger, János Koncz, der vor 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen und als Solist mit den Wiener Philharmonikerin gespielt hat. Ich bin aber nicht mit ihm verwandt.

Sie sind dann ja auch zu den Wiener Philharmonikern gekommen – und das im Alter von 20…
Ja, dort bin ich auch heute Orchestermusiker, Stimmführer der zweiten Geigen. Gleichzeitig nimmt die Tätigkeit als Dirigent immer mehr zu. Unter anderem bin ich erster Gastdirigent bei Les Musiciens du Louvre in Frankreich, einem Ensemble mit Originalinstrumenten. Nächste Saison gibt es viele Debuts für mich, zum Beispiel am Opernhaus Zürich, beim London Symphony Orchestra und beim Swedish Radio Symphony Orchestra. Ganz besonders freue ich mich, dass ich auch meine Kollegen von den Wiener Philharmonikern dirigieren darf – in der Wiener Staatsoper!

Dirigieren Sie die Wiener Philharmoniker zum ersten Mal?
Ich werde das Orchester der Wiener Staatsoper dirigieren, das sind dieselben Musiker, aber es ist eine andere Institution. Aber ja, in einer Aufführung wird es tatsächlich mein Debut sein. Proben habe ich schon einige Male dirigiert, das war auch aufregend, weil sich in Wien meine beiden Welten bisher nicht überschnitten hatten. Das habe ich sehr genossen – das Orchester ist natürlich unglaublich toll.

Wie sind Sie eigentlich Dirigent geworden?
Das war immer mein Wunsch und kam sicher daher, dass mein Vater viel musikalisch mit uns gearbeitet hat. Da lernten wir automatisch kennen wie ein Dirigent über Musik nachdenkt – und zwar sehr umfassend und ganzheitlich. Auch seine Partituren waren für mich immer ein Faszinosum. Nach dem Abitur habe ich dann angefangen auch Dirigieren zu studieren. Als ich dann mit 20 zu den Wiener Philharmonikern kam, habe ich mich erst darauf konzentriert. Als meine Probezeit vorbei war, habe ich das Dirigieren wieder aufgegriffen. Ich habe mich dann intensiv um Möglichkeiten gekümmert zu dirigieren – und das Glück gehabt diese auch zu bekommen.

Schon früh hat sich Christoph Koncz dafür interessiert Dirigent zu werden. Foto: Eduardus Lee

Früher waren Dirigenten meist Männer mittleren oder höheren Alters. Hat sich da viel geändert?
Ja, das hat sich schon geändert. Da gibt es mehrere Faktoren. Das wichtigste ist gesellschaftlich, dass man jüngeren Leuten mehr zutraut. Die Vorstellung von Autorität hat sich geändert. Zudem hat sich das hierarchische Gefüge zwischen Dirigent und Orchester stark gewandelt. Pultdiktatoren gibt es heute nicht mehr. Die Hierarchien sind flacher geworden, es ist mehr ein Miteinander als es früher der Fall war. Demzufolge sieht man heute viel mehr junge Dirigenten auf den Podien.

Das ist wie in der Bundesliga, wo heute auch die meisten Trainer jünger sind als früher.
Ja, das kann man vergleichen. Es gibt auch heute viel mehr Spieler, die gleich im Anschluss an ihre Karriere gute Trainerjobs bekommen. Bei ihrem hohen Niveau merkt man auch, dass die Spieler heute viel besser ausgebildet werden und ihre Rolle reflektieren können. Als Trainer und als Dirigent muss man gleichermaßen Autorität ausstrahlen. Und die kommt heute über die Kompetenz. Hat man die, bekommt man diese Autorität zugestanden, und dann ist unerheblich, ob man 34 oder 50 ist.

Das klingt alles sehr positiv.
Was Dirigenten allerdings nicht haben, ist die Zeit, die man als Musiker mit seinem Instrument zuhause verbringt. Ihr Üben findet im Prinzip erst dann statt, wenn Sie vor dem Orchester stehen – aber zu diesem Zeitpunkt sollten Sie schon alles können. Insofern hilft Erfahrung schon. Wenn man Glück hat und begabt ist, lernt man vielleicht besonders schnell und kommt dann als Dirigent auch schneller voran, aber in der Regel ist man selbst mit Mitte 40 immer noch ein junger Dirigent.

Gibt es Dirigenten, die Sie besonders beeindruckt haben?
Sehr viele – und ich habe das Glück, bei den Wiener Philharmonikern zu spielen. Die bedeutendsten Dirigenten sind regelmäßig bei diesem Orchester zu Gast. Und dadurch, dass ich so weit vorne sitze, nur anderthalb Meter entfernt, kann ich auch genau mitverfolgen, wie die Dirigenten arbeiten, wie sie ihre Vorstellungen umsetzen können, worauf sie Wert legen und wie die Kollegen darauf reagieren. Das ist für mich unheimlich inspirierend.

Ich habe gelesen, dass Sie Mozart am liebsten dirigieren. Wie kommt’s?
Ich habe schon im Kindesalter gemerkt, dass mir seine Musik besonders am Herzen liegt. Und das Publikum liebt sie auch, diese Musik ist einfach so tief berührend und genial. Ich habe vor Kurzem ein Album mit Mozarts Violinkonzerten veröffentlicht, wo ich jene Geige, die Mozart einst selbst besessen hat, spielen durfte. Das war natürlich etwas Besonderes für mich.

Was würden Sie gern einmal dirigieren, hatten aber noch keine Gelegenheit dazu?
Da gibt es sehr viel! Es gibt so viele Meisterwerke und ich bin musikalisch stets sehr neugierig. In letzter Zeit habe ich mich zum Beispiel mehr mit der Musik von Wagner beschäftigt und auch schon mit der Deutschen Kammerakademie Auszüge aus seinen Werken präsentiert.

Wie bringen Sie die Aufgaben als Musiker und Dirigent unter einen Hut?
Die Planung ist eine echte Herausforderung. Denn die Wiener Philharmoniker sind sehr beschäftigt und auch oft auf Konzertreise. Ich bin jetzt seit 14 Jahren in dem Orchester und weiß schon, wie man den Terminplan lesen muss und wo es möglich ist, eigene Projekte zu machen. Die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein und ihr Orchestermanager Martin Jakubeit sind zum Glück sehr unterstützend und wir haben bisher immer eine gute Lösung gefunden.

Die Deutsche Kammakademie spielt ab dieser Saison wieder im Neusser Zeughaus. Foto: Melanie Stegemann

Wie sind Sie Chefdirigent in Neuss geworden?
Die Deutsche Kammerakademie hatte 2018 einen Chefdirigenten gesucht und mehrere Kandidaten eingeladen. Ich dirigierte dann die Klassiknacht des Orchesters. Das war ein sehr schöner erster Kontakt und so entschied man sich mir die Aufgabe des Chefdirigenten anzuvertrauen. 2019 fing ich dann an.

Sie sind ja weltweit aktiv. Wie viel Zeit verbringen Sie eigentlich in Neuss?
Ich bin schon sehr regelmäßig da, bin auch in die Planungen und die Entwicklung des Orchesters involviert. Ich bin sehr gern in Neuss, die Arbeit mit dem Orchester bereitet mir sehr viel Freude. Das ist mein zweites Standbein.

Sind Sie längere Zeit am Stück vor einem Konzertabend in Neuss?
Ja natürlich, in der Regel etwa eine Woche. Das hängt auch vom Programm ab und ob wir mehrere Konzerte haben oder auf Gastspiele gehen. Wir machen ja häufig Konzerte außerhalb von Neuss.

Inwieweit müssen Sie bei der Programmplanung Rücksicht darauf nehmen, dass die Kammerakademie ein eher kleines Orchester ist?
Das ist natürlich sehr wichtig, die Identität des Orchesters fußt darauf. Ich bemühe mich, dass wir auch symphonische Werke einbauen können, die man mit dieser Besetzung spielen kann. Bei den Abonnementkonzerten muss man auch die Akustik im Zeughaus in Betracht ziehen. Es ist immer eine Frage der Abwägung. In der Stadthalle, in der wir die letzten zwei Jahre gespielt haben, ist auf der Bühne und im Publikum mehr Platz, dafür punktet das Zeughaus mit seiner besonders schönen Atmosphäre und seinem Charme. Das Neujahrskonzert wird aber weiterhin in der Stadthalle stattfinden, insofern sind wir weiter an beiden Orten aktiv.

Wie viele Konzerte werden Sie in dieser Saison dirigieren?
Den normalen Umfang: zwei der sechs Abonnementkonzerte, das Neujahrskonzert und die Klassiknacht.

Was erwartet das Publikum bei den beiden Abonnementskonzerten?
Beim Eröffnungskonzert am 9. Oktober, das erstmals seit Pandemiebeginn wieder im Zeughaus stattfindet, haben wir einen schönen Auftakt mit beliebten Stücken: Neben Beethovens Symphonie Eroica spielen wir zwei Werke von Mozart, die mit Prag zu tun haben – die Oper Don Giovanni, die in Prag uraufgeführt wurde und die Prager Symphonie.

Christoph Koncz wird in der neuen Neusser Spielzeit unter anderem das Eröffnungskonzert dirigieren. Foto: Eduardus Lee

Und beim zweiten Abonnementskonzert am 16. April 2023?
Da geht es experimenteller zu. Neben dem Streichorchester gibt es eine eigene Solobesetzung für jedes Stück. Bei Mozarts Serenata notturna gibt es ein Streichquartett, das solistisch spielt – dazu das Streichorchester und Pauken. Dann spielen wir Tabula Rasa des estnischen Komponisten Arvo Pärt, wo es zwei Sologeigen geben wird, Klavier und Streichorchester. Dieses legendäre Stück hat Pärt 1977 nach einer längeren Pause komponiert – im Tintinnabuli-Stil, mit dem er dann besonders bekannt wurde. Zum Abschluss spielen wir Bártoks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“, wo es zwei Streichorchester gibt – auch das ist ein legendäres Stück. Darauf freue ich mich besonders. Mein Vater ist ja Ungar und daher ist mir dieses Stück seit frühester Jugend vertraut.

Das klingt so, als könnten Sie die neue Spielzeit kaum erwarten.
Das ist auch so. Wir freuen uns sehr, mit dem Neusser Publikum ins Zeughaus zurückzukehren. Und persönlich freue ich mich, dass die Zusammenarbeit mit dem Orchester so gut funktioniert und dass ich auch die nächsten Jahre Chefdirigent in Neuss sein kann.

Mehr zur Spielzeit 2022/23 der Deutschen Kammerakademie:

Heimspiel für die Deutsche Kammerakademie

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