Schmuggel, Verbote, Rituale: Wie Kaffee zum Volksgetränk wurde

Ob als Espresso, Caffè latte oder Filterkaffee – Kaffee ist weltweit beliebt. Das Clemens Sels Museum Neuss präsentiert bis zum 5. Februar 2023 in der Sonderausstellung „Kaffee ist fertig! Karriere eines Heißgetränks“ geschichtliche und wirtschaftliche Fakten, amüsante Anekdoten und mancherlei Unglaubliches. Im Interview mit S-Quin erläutert Carl Pause, der Kurator der Ausstellung, warum man sie sich nicht entgehen lassen sollte. 

Interview: Gunnar Erth

S-Quin: Wie groß ist das Interesse an der Ausstellung?
Carl Pause: Das Interesse an der Ausstellung ist außerordentlich groß, denn das Thema spricht viele Leute an.

Wie entstand die Idee zur Ausstellung?
Wir machen regelmäßig Ausstellungen zu kulinarischen Themen, denn mit ihnen lassen sich viele Aspekte der Kulturgeschichte reflektieren. Unter anderem hatten wir schon Ausstellungen zu Altbier, italienischem Eis oder Süßigkeiten. In diesem Jahr fand der Internationale Hansetag in Neuss statt, deshalb hat die Stadt an uns den Wunsch herangetragen, eine Ausstellung zum Thema Handel zu machen. So kamen wir auf den Kaffee. Der gelangte zwar erst Ende des 17. Jahrhunderts nach Neuss, als die Hanse sich schon auflöste. Aber der Kaffeehandel baut auf den Wirtschaftsverbindungen auf, die die Hanse geschaffen hatte.

Clemens Pause präsentiert die neue Ausstellung „Kaffee ist fertig! Karriere eines Heißgetränks“. Foto: Angela van den Hoogen

Eigentlich sollte die Ausstellung schon im Frühjahr eröffnet werden, musste aber wegen des Wasserschadens im Museum verschoben worden. Wie haben Sie das erlebt?
Ja, ursprünglich sollte sie am 22. Mai eröffnet werden. Zwei Tage vorher war ich mit einigen Kollegen in der Ausstellung, als die Nachricht kam, dass Wasser ins Depot eindringt. Nach Starkregen hatte sich ein See hinter dem Haus gebildet, der irgendwann über die Brüstung der Kellerschächte schwappte. Plötzlich stand das gesamte Untergeschoss voller Wasser und wir mussten mit der Taschenlampe noch in derselben Nacht unser Depot evakuieren. Natürlich musste die Ausstellungseröffnung verschoben werden.

Das ganze Museum musste ja vorübergehen schließen.
Ja, denn wir mussten die geretteten Gegenstände in den anderen Etagen unterbringen. Am 6. November konnten wir dann unsere Ausstellung endlich eröffnen. Die war zum Glück nicht betroffen gewesen, denn sie ist zweiten Obergeschoss.

„Eine Türckin die Caffee trinckt“ von Christoph Weigel, entstanden 1723. Foto: Clemens Sels Museum Neuss

Sie spannen eine breiten Bogen in der Ausstellung. Welche Themen decken die Exponate ab?
Ein besonderes Anliegen war mir die Frühzeit des Kaffees, sowie die Frage, wie er nach Neuss gekommen ist. Dazu habe ich umfangreiche Quellen aus dem Staatsarchiv ausgewertet. Wir haben zudem inhaltliche Unterstützung von der Universität Düsseldorf bekommen: Frau Professor Schulte Beerbühl hatte mit ihren Studierenden ein Seminar zu dem Thema veranstaltet. Die Ergebnisse sind auch in die Ausstellung eingeflossen. Und deren Bandbreite ist groß – von den Kaffeeverboten aus dem 18. Jahrhundert über Kaffeeschmuggel in der napoleonischen Zeit und Kaffee im Zweiten Weltkrieg bis hin zur Geschichte des Espresso.

Wie präsentieren Sie diesen breiten Hintergrund in der Ausstellung?
Wir haben viele kleine Stationen. Leider ist es schwierig, alle Themen mit Objekten zu visualisieren. Aber wir versuchen es.

Wie kam denn der Kaffee nach Neuss?
Da gab es zwei Wege. Der Kaffee stammt ursprünglich aus Äthiopien, von dort gelangte er in den Jemen, der lange Zeit ein Monopol im Kaffeeanbau hatte. Als der Jemen Teil des Osmanischen Reichs wurde, kam er bis zum Balkan. Von dort ging es über die Adria nach Venedig und von dort ins übrige Europa. Der zweite Verbreitungsweg waren die Niederlande. Deren Handelsorganisation VOC, die Vereinigte Ostindien-Kompanie, brachte den Kaffee vom Jemen zu ihrer Kolonie Indonesien – und hatte dann die Idee, den Kaffee nach Europa zu importieren. In Rotterdam entstanden dann Kaffeehäuser. Von dort ging es den Rhein herab zu uns.

Gibt es dafür ein Datum?
Ich habe eine Inventarliste eines Hauses aus dem Jahr 1699 gefunden, in dem ein Wasserkessel erwähnt wurde. Den hatte sein Besitzer wahrscheinlich etwa 10 Jahre vorher bei einem Wettschießen gewonnen. Wasserkessel brauchte man erst, als es Tee und Kaffee gab.

Was gab es zuerst in Neuss – Tee oder Kaffee?
Der Tee kam auch über die VOC zu uns, etwa zur selben Zeit wie der Kaffee. Es waren Konkurrenzgetränke. In einigen Gebieten, etwa Ostfriesland und England, hat sich der Tee stärker durchgesetzt, in anderen der Kaffee. Beide galten als exotische Getränke.

Ein Blick in die Ausstellung. Foto: Angela van den Hoogen

Wie wurde denn der Kaffee damals vom Publikum aufgenommen?
Es gab unterschiedliche Positionen. Kaffee war ein Statussymbol, das sich am Anfang nur Adelige und reiche Bürger leisten konnten. Es gibt eine ganze Reihe von Gemälden, auf denen man sich mit der Kaffeetasse in der Hand hat portraitieren lassen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde Kaffee dann zum Volksgetränk. Allerdings konnten sich viele keinen echten Kaffee leisten, sondern Ersatzgetränke wie Malzkaffee oder Getreidekaffee.

Wie kam es zu denn den Kaffeeverboten?
Dem Kaffee wurden damals alle mögliche gesundheitlichen Wirkungen zugeschrieben. Zum Beispiel galt er als Aphrodisiakum. Man merkte zudem, dass Koffein sehr anregend wirkt. Gleichzeitig gab es auch warnende Stimmen, die Kaffee als gefährlich ansahen – etwa für besonders heißblütige Menschen, die sogenannten Sanguiniker nach der damals verbreiteten Temperamentenlehre. Für Phlegmatiker galt der Kaffee dagegen als ungefährlich. So kam Mitte des 18. Jahrhunderts der Gedanke auf, dass man die Bevölkerung vor Kaffee schützen müsse – und erließ ein Verbot für einfache Leute. Was dahinter steckte: Einige Leute wollten nicht, dass sich einfache Leute des Prestigeguts Kaffee bemächtigen. Zudem wollte man verhindern, dass durch den Kaffeeimport zu viele Devisen ins Ausland abflossen. Und als Ausland galt damals schon das benachbarte Fürstentum.

Akzeptierten die Menschen das Kaffeeverbot?
Es gab Widerstand. In Paderborn gab es 1781 den sogenannten Kaffeelärm, einen regelrechten Aufstand. Bei den Demonstrationen sind Scheiben eingeworfen und Gärten verwüstet worden. Die Begründung hinter den Verboten war ja auch sehr fadenscheinig. Ein Offizier durfte Kaffee trinken, weil er als in der Lage galt, die Risiken des Kaffees zu beurteilen. Ein Unteroffizier und ein einfacher Soldat dagegen nicht.

Werbeplakat für Ersatzkaffee der Marke „Seelig´s Kornkaffee“, um1910. Nicht jeder konnte sich echten Bohnenkaffee leisten. Foto: Clemens Sels Museum Neuss

Steckte hinter dem Verbot auch die Angst, dass Kaffeehäusern zur Keimzelle von Revolutionen werden, wie in anderen Ländern?
Das Verbot kam über 100 Jahre nach der Entstehung der Kaffeehäuser. Das erste in Europa war 1647 in Venedig gegründet worden, in Deutschland entstanden die ersten in den 1680er-Jahren. Die Kaffeehäuser haben aber im 17. und 18. Jahrhundert auf jeden Fall zur Entstehung des Bürgertums als soziale Schicht beigetragen. Das waren kulturelle Zentren – mit Lesungen, Musikaufführungen und Debatten. Zu einem guten Kaffeehaus gehörten auch Zeitungen. Allerdings durften nur Männer in Kaffeehäuser. Für Frauen schickte sich das nicht.

Warum?
Weil dort auch geraucht wurde – und das galt als unanständig für Frauen.

Wann hat sich das geändert?
Erst wesentlich später. Sie dürfen auch nicht Kaffeehäuser mit Cafés verwechseln. Cafés mit Konditoreien kommen erst im 19. Jahrhundert auf.

Wann gab es in Neuss und Umgebung die ersten Kaffeehäuser?
In Düsseldorf ab dem frühen 19. Jahrhundert, in Neuss ab etwa 1830 – aber das hat nur zwei, drei Jahre existiert, weil das Neusser Publikum zu konservativ für ein Kaffeehaus war. Ab 1850 kamen die Konditoreien auf – und fingen an, auch Kaffee auszuschenken. Ich habe hier zum Beispiel einen interessanten Antrag eines Neusser Konditoren aus den 1860er-Jahren, der für die Damen Kaffee anbieten wollte.

Und wann gab es den erwähnten Kaffeeschmuggel?
Das geschah in napoleonischer Zeit. Napoleon versuchte, Großbritannien mit einem Wirtschaftsembargo in die Knie zu zwingen. Jeglicher Handel mit England war verboten – dadurch konnte Frankreich keinen Kaffee aus den englischen Kolonien bekommen. Das führte zu einem immensen Kaffeeschmuggel, auch über die Niederlande rheinaufwärts. Während Düsseldorf zum Rheinbund gehörte, war Neuss von Frankreich annektiert worden. Unter anderem über diese Grenze wurde geschmuggelt.

Zum Kaffee gehört auch Geschirr. Wurde das auch in der Region Neuss produziert?
Jein. Neusser Töpfer haben natürlich auch Kaffeegeschirr produziert. Aber Kaffee war ja anfangs ein exklusives Getränk, dazu gehörte auch exklusives Geschirr. Damals hatte man chinesisches Porzellan. Das waren allerdings Teetassen ohne Henkel, an denen man sich leicht die Finger verbrannte. Irgendwann kam man auf die Idee, sie auf eine kleine Schüssel zu stellen – und so war die Untertasse geboren. Ebenfalls beliebt waren Fayencen, Porzellankopien aus Delft. 1710 gab es mit der Eröffnung der Porzellanmanufaktur in Meißen dann einen Wendepunkt. Das Wissen um die Porzellanherstellung blieb aber nicht lange auf Meißen beschränkt.

Auch der Espresso spielt eine Rolle in der Ausstellung. Foto: Angela van den Hoogen.

Das Geschirr präsentieren Sie in der Ausstellung…
Ja, da zeigen wir einiges. Unter anderem auch einen archäologischen Fund. In einem Brunnen eines Bürgerhauses aus der Nähe des Museums hat man alte Kaffeetassen gefunden. Das hatte dem 1844 verstorbenen Notar Wilhelm Schmitz gehört, der es vermutlich 1785 zur Hochzeit bekommen hatte. Die Tassen hatten noch keine Henkel – dies wurden erst um 1780 eingeführt. Wir haben chinesisches Porzellan, Kaffeetassen aus Thüringen mit dem typischen Strohblumendekor, holländische Fayence und auch englisches Steingut. Vieles sind Nachahmungen chinesischen Porzellans – nur eben deutlich günstiger.

Wurde in der Region Neuss Kaffee geröstet?
Ja, im 19. Jahrhundert gab es hier Kaffeeröstereien. Lange wurden ja ungeröstete Kaffeebohnen verkauft, die man selbst zuhause rösten musste – mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Erst Josef Kaiser aus Viersen, der Gründer von Kaiser‘s Kaffee, fing Ende des 19. Jahrhunderts an, gerösteten Kaffee zu verkaufen. Das schlug ein wie eine Bombe. Innerhalb von 20, 30 Jahren hat er immens expandiert und über 100 Filialen in Deutschland gegründet. Er war auch einer der ersten in Deutschland, die Corporate Design betrieben haben – alle Filialen sahen gleich aus, bis hin zur Schaufenstergestaltung und dem Dresscode des Personals.

Gibt es Exponate, die Sie besonders hervorheben möchten?
Wir haben zum Beispiel an einem Tisch nachgestellt, wie man früher Kaffee getrunken hat. Das war ein echtes Ritual. Man hat Kaffee nicht einfach in der Küche zu sich genommen, sondern benötigte einen Kaffeetisch. Porzellantassen waren ein Muss, ebenso wie die Zuckerdose und ein Milchkännchen, denn damals hat man Kaffee mit Milch und Zucker getrunken. Auch eine Kranenkanne mit mehreren kleinen Hähnen gehörte dazu – ein Brauch, den man aus Holland übernommen hatte. Die gibt’s auch heute noch im Bergischen Land. Wichtig war auch die Spülkumme.

Was ist das?
Eine mit Wasser gefüllte Schüssel. Wenn man Kaffeesatz in der Tasse hatte, konnte man sie durch die Spülkumme ziehen und die Tasse war wieder sauber.

Frisch geröstete Kaffeebohnen im Kühlsieb.
Foto: Lena de Bruin.

Sie haben auch das Thema Espresso erwähnt.
Genau. Der Espresso gilt ja als die Krönung des Kaffees. Wir zeigen in der Ausstellung einige frühe Espressomaschinen. Die Geschichte begann um 1900, als der italienische Ingenieur Luigi Bezzera eine Kaffeemaschine erfand, die mit hohem Druck Wasserdampf durch Kaffeepulver presste. Zur Vermarktung dachte er sich einen Begriff aus, der den Zeitgeist dieser fortschrittsaffinen Zeit widerspiegelte und verwandte den Namen der Schnellzüge. Allerdings war bei seiner Maschine die Wassertemperatur nicht richtig zu regulieren. Das Problem hat erst Achille Gaggia in den Griff bekommen, der sich 1938 eine Maschine hat patentieren lassen, die den Druck nicht durch Wasserdampf, sondern eine Stahlfeder erzeugt.

Zu der Ausstellung gibt es auch noch einen 200 Seiten starken Katalog. Wie entstand der?
Er entstand teilweise in Kooperation mit dem erwähnten Seminar an der Universität Düsseldorf. Aber auch meine Kollegen haben einiges beigesteuert. Das Themenspektrum ist enorm und deckt noch viel mehr Themen ab, als wir jetzt besprochen haben. Der Katalog ist bei uns im Museum für 16,95 Euro erhältlich.

Zum Abschluss noch eine Frage: Wie trinken Sie selbst Ihren Kaffee?
Ich bin da sehr flexibel. Es gibt so viele schöne Varianten.

„Kaffee ist fertig! Karriere eines Heißgetränks“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. Februar 2023. Adresse: Clemens Sels Museum Neuss, Am Obertor, 41460 Neuss. Öffnungszeiten: Dienstag – Samstag 11–17 Uhr, Sonntag und an Feiertagen 11–18 Uhr, am letzten Donnerstag im Monat von 11-20 Uhr. Die Ausstellung im Web.

 

Tickets und Katalog gewinnen

S-Quin verlost 2 × 1 Familienkarte inklusive Ausstellungskatalog für die Sonderausstellung „Kaffee ist fertig! Karriere eines Heißgetränks“. Schicken Sie eine E-Mail mit dem Stichwort „Clemens Sels Museum Neuss“, Ihrem Namen und Kontaktdaten an gewinnspiel@s-quin.de. Teilnahmeschluss: 29.12.2022.

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