Isabelle van Keulen: „Die Arbeit mit der Kammerakademie macht viel Spaß“

Isabelle van Keulen ist als Geigerin und Bratschistin international gefragt. Neben Konzerten, Dozententätigkeit und anderen Verpflichtungen ist sie auch als künstlerische Leiterin der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein aktiv. Im S-Quin-Magazin spricht die 57-jährige gebürtige Niederländerin unter anderem darüber, wie sie zur Musik kam, warum sie so gern mit jungen Musikerinnen und Musikern zusammenarbeitet und worauf sich Fans der Deutschen Kammerakademie freuen können.

Interview: Gunnar Erth

S-Quin-Magazin: Frau van Keulen, auf was für Konzerte mit Ihnen können sich Fans der Deutschen Kammerakademie 2024 freuen?
Isabelle van Keulen: Am 23. und 24. März sind unsere Gastspiele in Utrecht und Leeuwarden, zudem spielen wir am 24. März auch im Neusser Zeughaus Werke von Max Richter, Philip Glass und Antonio Vivaldi. Am 20. April haben wir ein Gastspiel in Emden, bevor wir einen Tag später das Programm „Variations on Buenos Aires“ in Neuss spielen, mit Werken von Johann Sebastian Bach und Astor Piazzolla. Damit treten wir auch am 22. April in der Hamburger Elbphilharmonie und am 25. April in Lörrach auf. Auf die Programme für die neue Spielzeit müssen sie leider noch ein bisschen warten, die sind noch nicht veröffentlicht.

„Bei der Kammerakademie kennen und vertrauen wir uns“

Seit 2017 sind Sie Künstlerische Leiterin der Deutschen Kammerakademie Neuss. Wie kam es dazu?
Ich hatte mich ganz einfach beworben. Anfangs kam ich als Übergangsleiterin mit dem Titel „Artist in Residence“. 2019 und 2022 wurde der Vertrag dann jeweils verlängert, seit damals bin ich künstlerische Leiterin. Ich möchte meine Tätigkeit in Neuss auf jeden Fall noch mehrere Jahre fortsetzen, denn es macht mir wahnsinnig viel Spaß. Es ist nicht nur eine tolle Truppe, auch die Konstellation mit den festen Musikern und den jungen Akademisten ist wirklich gut. Die jungen Leute lernen und machen gleichzeitig auf Augenhöhe mit.

Was genau konnten Sie dem Orchester geben, dass ja gerade auch ein Nachwuchsorchester ist?
Als ich kam, hatte das Orchester eine breite Farbenpalette von Klängen. Es gab viele harte, aber leider nur wenig weiche Farbtöne. Das habe ich gleich im ersten Jahr in Angriff genommen. Heute haben wir eine sagenhafte Flexibilität – und vor allem kennen und vertrauen wir uns gegenseitig sehr gut.

Isabelle van Keulen, umringt vom Ensemble der Kammerakademie Neuss. Foto: Daniel Ziegert

Wie verändert man den Klang eines Orchesters?
Die Kammerakademie ist ein Streichorchester mit Bläsern, es dominieren also die Streicher. Da verändert man den Klang durch die Bogenführung, man variiert etwa Geschwindigkeit und Druck.

Sie leiten das Orchester während der Konzerte und spielen selbst mit. Dadurch können Sie weniger eingreifen als ein Dirigent. Wie klappt das?
Ach, man gewöhnt sich daran. Aber man ist natürlich ständig am multitasken. Dafür muss man erst einmal das jeweilige Stück spielen können – und zwar auswendig. Ich habe zwar Noten vor mir, aber da schaue ich nicht rein. Denn ich muss ja die Musiker anschauen und mit den Augen steuern. Das ist schon sehr anstrengend – nach sechs Stunden Proben bin ich fix und fertig.

Wie läuft die Kooperation mit dem Chefdirigenten Christoph Koncz ab?
Jeder von uns leitet seine eigenen Konzerte, aber als künstlerische Leiterin bestimme ich zusätzlich in Kooperation mit Orchesterdirektor Martin Jakubeit die Zusammenstellung aller Programme. Ich suche auch mit aus, welche Gäste eingeladen werden oder wo wir Gastspiele haben.

Isabelle van Keulen lebt in London, wenn sie nicht gerade unterwegs in Sachen Musik ist. Foto: Marco Borggreve

Und wie stellen Sie die Konzertprogramme mit Herrn Jakubeit zusammen?
Das läuft super und völlig reibungslos. Ich komme mit meinen Vorschlägen und wir diskutieren angeregt darüber, wobei wir natürlich die Kosten im Blick haben müssen. Auch die Orchestermitglieder können Vorschläge machen; wenn sie gut passen, nehme ich die Ideen zu unseren Besprechungen mit.

Worauf achten Sie bei der Programmzusammenstellung? Auf den künstlerischen Anspruch, auf Vorlieben des Publikums oder darauf, was am besten zum Orchester passt?
Das ändert sich über die Jahre. Natürlich spielt das klassische Repertoire eine Rolle, aber man möchte dem Publikum auch immer etwas Neues mitbringen. So spielen wir in letzter Zeit mehr Stücke weiblicher Komponisten. In der nächsten Saison möchten wir in jedem Programm auch ein Werk einer Komponistin spielen. Generell erleben wir einen Wandel in der Musikwelt – man sieht zum Beispiel immer mehr Dirigentinnen in den Orchestern. Und es gibt viele hervorragende neue Komponistinnen, wie etwa Lera Auerbach oder Jessie Montgomery. Und natürlich auch Klassiker wie Fanny Mendelssohn und Clara Schumann. Der Schwerpunkt kann sich auch in Zukunft immer wieder neu verschieben ich bin offen für Impulse von außen.

Und das Publikum honoriert das?
Ja, nach Corona waren unsere Abonnementskonzerte wieder voll ausgebucht.

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Sie sind gebürtige Niederländerin und aktuell erreiche ich Sie in London, wo Sie wohnen. Dazu kommen Konzerte und andere Verpflichtungen… Wie viel Zeit verbringen Sie eigentlich in Neuss?
Etwa drei bis fünf Wochen. Ich komme für die Zeit der Projekte nach Neuss, also vier- bis fünfmal im Jahr. Wenn ein Konzert am Sonntag ansteht, reise ich am Dienstag oder Mittwoch vorher an – und dann wird geprobt. Einen großer Teil der übrigen Arbeit für die Kammerakademie erledige ich per Mail und Telefon.

Wie bereiten sich die Musiker vor?
Ich schicke ihnen die Stimmen zu, sie üben zuhause und wir setzen uns dann erst für einige Tage  zu den Proben zusammen. Unsere Musiker sind gut beschäftigt, sie haben ja auch Konzerte mit Christoph Koncz und mit unseren Gästen.

Die Deutsche Kammerakademie Neuss im Zeughaus. Foto: Susanne Dobler

Sie spielen Geige und Bratsche auf Weltklasseniveau. Wann haben Sie damit angefangen?
Mit sechs Jahren! Ich hätte gern schon mit drei Jahren angefangen Geige zu spielen, aber ich durfte leider noch nicht. Mein Vater meinte, ich solle erst einmal schreiben lernen [lacht]. Ich saß als kleines Kind bei meiner Mutter auf dem Schoß und war oft ganz sprachlos, wenn wir Klassik hörten.

Kommen Sie aus einer Musikerfamilie?
Nein, mein Vater ist Kunstmaler. Musik gab es im Haus, weil meine Mutter den ganzen Tag Klassikradio oder Schallplatten gehört hat. Meine acht Jahre ältere Schwester hat Querflöte gespielt. Und so kam ich eher über die Musikschule im Dorf mit sechs Jahren zum Geigespielen. Bis heute liebe ich es und spiele fast jeden Tag zuhause – auch wenn kein Konzert ansteht.

„Auch beim Publikum fließen manchmal Tränen vor Rührung“

Wann kam die Bratsche dazu?
Mit 18 oder 19. Das habe ich mir so nebenbei angeeignet. Man muss sich natürlich schon umstellen, es ist ja ein eigenes Instrument, der Bogenansatz ist zum Beispiel anders. Für mich ist es eine schöne Ergänzung zur Geige.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Ihnen beim Spielen teilweise die Tränen kommen. Wirkt die Musik so mächtig auf Sie?
Das ist eher bei Proben so, in Konzerten weniger, denn da muss man selbst Vermittler bleiben. Aber es kommt schon vor, dass mich eine Harmonie sehr ergreift. Das ist doch beim Publikum nicht anders, dort fließen auch manchmal Tränen vor Rührung. Die Musik ist schon ein starkes Medium.

Zudem haben Sie sich als Mensch der leisen Töne bezeichnet. Wie lässt sich das mit der Orchesterarbeit vereinbaren?
Ich bin schon harmoniesüchtig und werde im Orchester eigentlich nur dann lauter, wenn mal bei den Proben zu viel gequatscht wird [lacht]. Ich habe aber mit den leisen Tönen gemeint, dass mich leisere Konzerte oft mehr ansprechen als bombastische Stücke.

Gastauftritt der Kammerakademie im Concertgebouw Amsterdam. Foto: Eduardus Lee

Dort stand auch zu lesen, dass mehrere Komponisten für Sie Violinkonzerte geschrieben haben. Ist das üblich?
Das war schon zu Zeiten von Johann Sebastian Bach oder Mozart so. Ein Komponist erhält auch heute noch Aufträge von einem oder mehreren Orchestern, die sich zusammentun und die Kosten teilen. Der Komponist widmet das Werk dann einem Musiker, der es uraufführen darf. Aber das dürfen natürlich auch andere spielen. Wobei: Es gibt auch Musiker, die sich die Exklusivrechte an einem Werk sichern und es zum Beispiel fünf Jahre lang als einzige spielen dürfen. Davon halte ich nichts, denn Musik ist ja dafür da, möglichst oft gespielt zu werden!

Und wie fühlt man sich dabei, wenn einem ein Werk gewidmet wird?
Gut! Dann kann man den Komponisten endlich mal fragen, wie das Werk eigentlich klingen soll [lacht].

„Nach dem ersten Piazzolla-Konzert lag gleich ein CD-Vertrag auf dem Tisch“

Gibt es irgendwann einmal auch Kompositionen im Auftrag der Kammerakademie?
Bisher haben wir das noch nicht gemacht. Wir haben einen Plan, aber solange er sich nicht konkretisiert, behalten wir das noch für uns.

Sie haben seit 2011 auch ein eigenes Ensemble. Wie kam es dazu?
Wir spielen hauptsächlich Musik des argentinischen Tango-Nuevo-Komponisten Astor Piazzolla, mit der typischen Besetzung aus Bandoneon, Klavier, Kontrabass und Geige. Ich hatte 2011 im niederländischen Haarlem mehrere Konzerte gespielt und für eins Werke von Piazzolla ausgesucht, denn den fand ich als Kind schon toll. Das kam ganz hervorragend beim Publikum an und es lag auch gleich ein CD-Vertrag auf dem Tisch. So kam das ins Rollen. Aus Anlass des Piazzolla-Jahrs 2021 haben wir übrigens ein gemeinsames Konzert mit der Kammerakademie Neuss aufgenommen.

 

Kannten Sie die anderen drei Musiker aus Ihrem Quartett vorher schon?
Der Kontrabassist Rüdiger Ludwig ist mein Mann – und das war er damals schon [lacht]. Die Pianistin Ulrike Payer kannte ich schon seit einigen Jahren. Als wir dann die Idee für das Piazzolla-Konzert entwickelten, haben wir den Bandoneon-Spieler Christian Gerber hinzugeholt.

Schon seit 2012 sind Sie auch Professorin für Viola, Violine und Kammermusik an der Luzerner Musikhochschule. Wie kam es dazu, was reizt Sie daran?
Ich hatte schon mit Anfang 20 in Den Haag am Konservatorium unterrichtet und später auch in Basel, entschied mich damals wegen eines Bandscheibenvorfalls aber fürs Spielen. Doch je älter man wird, desto mehr möchte man Wissen und Erfahrung weitergeben. Die Luzerner Musikhochschule lud mich dann für eine Masterclass ein. Was ich nicht wusste: Dies war ein Test! Nach der Masterclass fragten sie mich, ob ich nicht Lust hätte, regelmäßig bei ihnen zu unterrichten. Das war genau der richtige Moment. Denn mit jungen Musikern zusammenzuarbeiten finde ich ganz toll!

„Ich trage jetzt schon Termine für 2026 in den Kalender ein“

Nimmt das nicht viel Zeit in Anspruch?
Ja, das ist zeitintensiv. Ich muss mir die Zeit dafür schaffen, denn ich mache keine halben Sachen und betreue meine Klassen gewissenhaft. Seit ich unterrichte, ist mir selber auch besser klar geworden, wie man auf der Bühne agieren sollte. Ich profitiere also auch davon.

Wie gut ist denn Ihr Kalender für 2024 gefüllt? Sie haben ja auch Auftritte mit anderen Orchestern.
Ja, sicherlich! Der Kalender ist sehr voll. Ich trage jetzt schon sogar erste Termine für 2026 ein! Im März bin ich zum Beispiel zu Konzerten in Dänemark und Flensburg, dann hier in England, dann ist die Kammerakademie wieder dran. Ich muss mir halt immer überlegen, ob ein weiteres Konzert jetzt gerade passt. Denn ich habe ja meine Verpflichtungen in Neuss und Luzern – und ich habe meine Familie hier in England! Meine Kinder sind zwar schon 23 und 25, aber die wollen mich natürlich auch sehen. Und ich sie auch. Aber mir geht es gut, lediglich das viele Reisen gefällt mir nicht so.

Machen Sie auch mal Urlaub?
Im Juli und August mache ich nichts. Dann fahren wir weg und haben keine Termine. Die ersten drei Wochen fasse ich auch kein Instrument an. Erst danach nehme ich die Geige wieder zur Hand, aber nur bei mir in der Küche.

Die Sparkasse Neuss fördert die Deutsche Kammerakademie über ihre Stiftungen. 

Weitere Infos:

Titelfoto: Maike Helbig 

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